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Helbeerschdorze

Als im Sommer noch jedes Kind "e Helbeergusch" hatte

Hertlingshausen: Aus dem Wald kommen nicht nur die blauen Früchtchen, sondern auch zwei Necknamen.

Woher kommen die Uz- oder Necknamen für viele Dörfer und deren Bewohner in unserer Region? In einer losen Folge begibt sich die RHEINPFALZ auf Spurensuche und stößt dabei mancherorts auf historische Dokumente, manchmal fehlt es aber gänzlich an schriftlichen Quellen. Dann helfen Leser, das Namensgeheimnis zu lüften.

Eine große Hilfe bei der Erforschung der landläufigen Bezeichnung(en) für die Bewohner Hertlingshausens war Annebertel Stahl, die schon viele Geschichten Ihrer Heimatgemeinde aufgeschrieben und zum Teil auch in der RHEINPFALZ veröffentlicht hat. Ihrer Meinung nach hängen die beiden Uznamen "Helbeerschdorze" (Heidel-
beerstöcke-, pflanzen-, stäucher, -büsche) und -vielleicht weniger geläufig- "Buscher" mit der geografischen Lage Hertlingshausens zusammen. Bleiben wir zunächst bei "Buscher", einem Necknamen, den vor allen die Carlsberger (Matzeberjer) gern für ihre Nachbarn gebrauchen. Und zwar deshalb, so vermutet Annebertl Stahl, weil Hertlingshausen, im gegensatz zu Carlsberg, das sich auf einem ausgedehnten waldreichen Plateau befindet, "unten im Tal " liegt und grösstenteils von Wald umschlossen, "also im Busch" ist.


Die Hobbyhistorikerin und einige ältere Hertlingshauser wissen, dass Stahls Großvater (Johann Noll IV.) "de Buschjes Johann" genannt wurde, wohl um die vielen Träger des Namens Noll auseinanderzuhalten. Ihr Vater, so erzählt die Hertlingshauserin, sei zeitlebens "de Buschjes Lenhard" gewesen, und ihr Bruder werde bis heute "es Buschje" genannt. Möglicherweise, so Stahl, weil der Wald als Lieferant für alle möglichen Dinge und Rohstoffe spielte. Auch Heidelbeeren waren und sind dort zu finden, was uns zu dem bekannteren Uznamen "Helbeerschdorze" führt, den sich auch die örtlichen Fastnachter zugelegt haben. Bei deren Sitzungen begrüßt das "Hellbeermännchen", das Vereinsmaskottchen im Heidelbeerkostüm, das Publikum. Zum ersten Heidelbeerfest dichtete der Lehrer Heinz Schmitt: "Es wuselt im Wald, im Helbeerwald, und alles is luschdich, de Kinner er fröhliches Lache erschallt, die Helbeer, die Helbeer sin bloo, schun morjens um sechs, gebts lewe im Busch, die Helbeere danzen im Blech, un owens hot jeder e Helbeergusch, dann Helbeerbloo, des is wie Pech!" So steht es in Annebertl Stahls Büchlein "Die Hinterwäldler", in dem sie selbst noch anmerkt: "Heitzudag hot kaum noch e Kind e Helbeergusch." Lehrer Schmitt soll sogar am Heidelbeerkuchen das Bruchrechnen demonstriert haben, denn die Bedeutung von "ein Halb" oder "ein Viertel" hätten manche Kinder so besser begriffen, erinnert sich die Autorin.

Der Heidelbeerkuchen wurde sozusagen das "Nationalgericht" der "Hinterwäldler". Dazu rollt man einen Hefeteig nicht zu dick aus, lässt ihn auf dem Blech zirka 20 Minuten gehen, verteilt dann die gewaschenen und auf einem Küchenkrepppapier abgetrockneten Beeren gleichmäßig auf dem Teig und backt den Kuchen etwa eine halbe Stunde. Für ein Blech von 32 Zentimetern Durchmesser braucht man etwa drei Schoppen Beeren ( ein Schoppen ist ein halber Liter ). Der Kuchen schmeckt noch leicht warm am besten, gezuckert wird er erst kurz vor dem Genuss, damit er nicht zu viel "Brühe zieht". Ganz wichtig: Es müssen die echten Waldheidelbeeren sein, den dickeren Kulturheidelbeeren fehlt es meistens am typischen Aroma.

Aber nicht nur der Helbeerkuche stand bei den Hertlingsheisern hoch im Kurs: Im Hochsommer gab es fast in jedem Haus auch den Saft der blauen Beeren und Marmelade oder "Helbeerschmeer zu ausgescheppte Knepp" und rohe "Oigezuckerte" zu mit Puderzucker bestreuten Pfannkuchen.

Annebertl Stahl sinniert in einem ihrer Gedichte über die "Hinnerwäldler" und "Buscher": Mer sinn aus ganz besonnerem Holz, mer sinn -Gott sei Dank- noch so urige Knorze, drum nennt mer uns aauch die Helbeerschdorze."